Als die Dämmerung in tiefe Nacht überging und schwere Wolken den Mond verdeckten, war die Finsternis vollkommen. Prinz Sylvian lenkte seine Spinne aus dem Dornengestrüpp. Sein Blick tastete die in Dunkelheit getauchte Schlucht ab. Feiner Nebel stieg auf und kroch über das Geröll. Vorsichtig führte er seine Spinne am rechten Felsrand entlang. Nach einigen hundert Schritten zog er die Zügel an, und die Spinne begann, die steile Wand hinaufzusteigen.
Das Gestein war glatt und stellenweise feucht, die acht Beine suchten Halt in Ritzen und Vorsprüngen. Prinz Sylvian beugte sich weit nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten. Auf halber Höhe lenkte er das Tier leicht nach links, um schräg auf den Wall zuzusteuern. Das Gestein wurde brüchiger, jeder Tritt gefährlich. Plötzlich brach unter einem Hinterbein ein Brocken weg, der Fels splitterte leise.
Ein eiskalter Schreck durchfuhr ihn, den er augenblicklich mit eiserner Kontrolle erstickte. Ohne zu zögern, warf er sich zur Seite, presste seinen Körper an den Spinnenleib und stemmte die Schulter gegen den fallenden Stein. Mit aller Kraft fing er dessen Sturz ab und verkeilte ihn lautlos an der Felswand. Sein Herz hämmerte, doch er zwang sich zur Reglosigkeit und lauschte in die Tiefe, bis er sicher war, dass die Wachen nichts bemerkt hatten.
Die Spinne kletterte weiter, langsam und flach an der Wand entlang, bis sie die Höhe der Palisade erreicht hatte. Genau unter ihm lag der Grenzwall. Mehrere Hütten umgaben einen freien Platz, auf dem zwei Dutzend Barbaren um ein großes Feuer saßen. Sie sangen laut, tief und unmelodisch – in einer Sprache, die Prinz Sylvian nicht verstand. Er zählte die Wachen, schätzte die Zahl der Männer am Feuer.
Die Spinne bewegte sich weiter, langsam und kontrolliert, dicht am Fels entlang. Er hielt die Zügel ruhig – bereit, im nächsten Moment anzuhalten. Die Geräusche des Lagers überdeckten das leise Kratzen der Spinnenbeine, sodass es ihm gelang, unentdeckt an der Felswand entlang den Wall hinter sich zu lassen. Jenseits der Palisade begannen, kaum sichtbar in der Dunkelheit, die weiten Steppen von Thir. Er lenkte seine Spinne vom Felsen hinunter und dann querfeldein durch das hohe, vom Wind bewegte Gras. Erst als er sicher außer Sichtweite des Lagers war, hielt er kurz an, blickte sich um und lenkte darauf das Tier in eine kleine Baumgruppe aus Tamarisken und Robinien, um es dort zur Ruhe zu bringen. In der Deckung der Bäume blieb er für den Rest der Nacht reglos und wachsam.