Fantasy-Geheimtipps für erwachsene Leser: Susanna Clarke, Mervyn Peake, Sylvia Townsend Warner, Patricia A. McKillip, C. Dölder, Nnedi Okorafor, N.K. Jemisin, Naomi Novik, Helene Wecker, Marlon James

Deutsche Fantasy-Empfehlungslisten haben ein Wiederholungsproblem. Auf jeder Bestenliste, in jedem Bestseller-Regal und in jeder Empfehlungssoftware tauchen dieselben acht oder zehn Namen auf: Tolkien, Martin, Sapkowski, Abercrombie, Hobb, Pratchett, Rothfuss, Sanderson. Das sind großartige Autoren. Die wurden bereits hundertfach besprochen und sind auf meiner Top-20-Liste gut aufgehoben.

Diese Liste ist für etwas anderes. Sie ist für Leser, die mit den Standardlisten durch sind und nach echten Geheimtipps suchen – nach Büchern, die literarisch stark sind, erwachsen geschrieben, klar als Fantasy einzuordnen und im deutschen Buchhandel aktuell als Neuware lieferbar. Keine vergriffenen Schätze, die nur antiquarisch zu bekommen sind, und keine grenzwertigen Magic-Realism-Romane, die das Genre nur streifen. Was hier steht, ist Fantasy mit Magie, fremden Welten und Wesen jenseits der Norm. Und es ist Fantasy, die ein erwachsenes Publikum verdient hat, statt YA-Romanen den Markt zu überlassen.

Einige der Bücher haben den Hugo Award, den World Fantasy Award, den Nebula Award oder den Locus Award gewonnen. Andere sind Klassiker, die zwar in der Genrekritik bekannt sind, im deutschsprachigen Massen-SERP für „Fantasy für Erwachsene" aber kaum auftauchen. Wer Wert auf Sprache, Atmosphäre, Worldbuilding und ungewöhnliche Perspektiven legt – und wer es satt hat, jedes Mal dieselben fünf Romane empfohlen zu bekommen – findet hier zehn Titel, die das Genre erweitern statt es zu wiederholen. Wer noch tiefer einsteigen will, findet auch meine Liste mit guten Fantasy-Büchern für Erwachsene jenseits der Romantasy-Welle hilfreich.

Inhalt

1. Jonathan Strange & Mr Norrell (Susanna Clarke)

Originaltitel: Jonathan Strange & Mr Norrell · 1 Band · Englisch 2004 / DE 2004 · Heyne Neuausgabe 2020

★★★★★ 4,7/5 Einordnung von Christian Dölder
Zum Autor
Fokus:
Alternative Geschichte Magier-Rivalität Napoleonische Kriege

Im England des Jahres 1806 ist die Magie seit Jahrhunderten verschwunden. Bis Mr Norrell, ein Einzelgänger aus Yorkshire, in der Kathedrale von York die Statuen sprechen lässt. Die Regierung holt ihn nach London, um Napoleon zu bekämpfen. Dort taucht ein zweiter Magier auf: der junge, charismatische Jonathan Strange. Aus Mentor und Schüler wird ein Wettstreit, aus dem Wettstreit ein Bruch, und am Ende greift die alte Magie des Rabenkönigs nach beiden.

Clarke schreibt im Tonfall von Jane Austen und Charles Dickens, mit Fußnoten, falschen Quellenangaben und einem Erzähler, der so tut, als sei er Historiker. Über tausend Seiten, kein einziger leerer Satz. Die Magie ist nicht spielerisch, sondern altertümlich, gefährlich und unberechenbar. Der Roman gewann Hugo Award, World Fantasy Award und Locus Award für das beste Debüt.

Susanna Clarke war zur Zeit der Veröffentlichung 2004 fünfundvierzig Jahre alt und hatte zuvor als Lektorin für Kochbücher gearbeitet. Zehn Jahre an diesem einen Buch. Im deutschsprachigen SERP für Fantasy taucht der Roman trotz BBC-Adaption von 2015 selten auf den ersten Seiten auf, weil er weder zur klassischen High-Fantasy-Schiene noch zur Romantasy-Welle passt. Genau deshalb gehört er hierher. 2020 erschien ihr zweiter Roman Piranesi bei Blessing, ebenfalls vielfach ausgezeichnet.

2. Der junge Titus / Gormenghast (Mervyn Peake)

Gormenghast-Trilogie · 3 Bände · Englisch 1946–1959 / DE Klett-Cotta / Hobbit Presse

★★★★★ 4,6/5 Einordnung von Christian Dölder
Zum Autor
Fokus:
Hoflabyrinth Barocke Sprache Verfall

Schloss Gormenghast ist so alt, dass niemand mehr weiß, wann es gebaut wurde. Ein steinernes Labyrinth aus Türmen, Höfen und Kammern, in dem sich eine Adelsfamilie und ihre Bediensteten an Rituale klammern, deren Sinn längst vergessen ist. Mervyn Peake erzählt von der Geburt des Erben Titus Groan, vom Aufstieg des Küchenjungen Steerpike, der das System aushebelt, und vom langsamen Zerfall einer Welt, die sich selbst überlebt hat.

Peake war eigentlich Maler und Illustrator. Das merkt man jeder Seite an. Seine Sprache ist barock, üppig und detailverliebt, seine Figuren sind grotesk gezeichnet, seine Schauplätze stehen wie expressionistische Bühnenbilder. Klassische High-Fantasy-Elemente fehlen weitgehend: keine Magie, keine Elfen, keine Drachen. Stattdessen pure phantastische Architektur und ein Hofzeremoniell, das wie ein Albtraum wirkt.

Im englischsprachigen Raum gilt Peake als Klassiker auf Augenhöhe mit Tolkien, im deutschsprachigen Markt ist er deutlich weniger sichtbar. Klett-Cotta hat die Trilogie in der Hobbit Presse wieder zugänglich gemacht. Wer Fantasy als sprachliches Kunstwerk lesen will und mit Plot-Tempo nichts anfangen kann, findet hier einen der härteren Treffer der literarischen Phantastik.

3. Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann (Sylvia Townsend Warner)

Originaltitel: Lolly Willowes · 1 Band · Englisch 1926 / DE 2020 · Dörlemann Verlag

★★★★★ 4,5/5 Einordnung von Christian Dölder
Zum Autor
Fokus:
Hexerei Weibliche Selbstbestimmung Trockene Satire

Laura Willowes ist achtundzwanzig Jahre alt, als ihr Vater stirbt. Statt selbst zu heiraten, zieht sie zu ihrem Bruder nach London und wird die Familientante – Kinderbetreuung, Kochrezepte, Strickzeug. Zwanzig Jahre später, mit siebenundvierzig, packt sie eines Tages ihre Sachen, fährt aufs Land und schließt einen Pakt mit dem Teufel. Der Roman ist Hexerei-Fantasy, Satire und ein früher feministischer Befreiungsschlag in einem.

Warner schreibt mit kontrolliertem, trockenem Ton, ohne Pathos und ohne Kitsch. Der Teufel ist hier kein dramatischer Antagonist, sondern fast eine bürokratische Gestalt – jemand, der Frauen das anbietet, was die Gesellschaft ihnen verweigert: ein eigenes Leben. Die Magie ist alltäglich, fast unauffällig, und genau deshalb wirkt sie. Der Roman erschien 1926, im selben Jahr wie Hope Mirrlees' Lud-in-the-Mist, und wurde lange übersehen, bevor er als Klassiker der frühen Fantasy wiederentdeckt wurde.

Die deutsche Erstübersetzung erschien erst 2020 bei Dörlemann. Eine Verspätung von fast hundert Jahren. Wer denkt, dass Romantasy ein modernes Phänomen ist, sollte hier nachlesen, was Fantasy mit weiblicher Hauptfigur tatsächlich leisten kann, wenn sie ohne Liebesgeschichte auskommt.

4. Schatten über Ombria (Patricia A. McKillip)

Originaltitel: Ombria in Shadow · 1 Band · Englisch 2002 / DE 2002 · Klett-Cotta

★★★★★ 4,5/5 Einordnung von Christian Dölder
Zum Autor
Fokus:
Stadt-Fantasy Höfische Intrige Verdichtete Prosa

Die Stadt Ombria existiert in zwei Schichten gleichzeitig. Die obere ist die sichtbare, höfische Welt rund um den sterbenden Fürsten und seine ehrgeizige Schattenherzogin. Die untere ist eine Schattenstadt, in der Magie noch funktioniert und in der eine Hexe namens Faey ihre eigenen Spiele spielt. Als der Fürst stirbt und seine Mätresse Lydea aus dem Schloss verbannt wird, beginnt ein leises Tauziehen um den minderjährigen Erben.

McKillip ist eine der verdichtetsten Stylistinnen der modernen Fantasy. Wo andere drei Bände brauchen, schreibt sie einen Roman von dreihundert Seiten und packt mehr hinein. Der Plot ist Hofintrige, die Sprache ist Lyrik, die Atmosphäre erinnert eher an Mervyn Peake als an klassische High Fantasy. Magie ist hier nicht Effekt, sondern Stimmung: etwas, das durch die Gassen sickert und die Architektur der Stadt mitformt.

Der Roman gewann den World Fantasy Award für den besten Roman 2003. McKillip hat über zwanzig Bücher geschrieben, die meisten standalones in der gleichen verdichteten Tonalität. Im deutschsprachigen Markt ist sie ein Geheimtipp unter Geheimtipps – fast nur über Klett-Cotta verfügbar, fast nie in Bestenlisten genannt, und genau deshalb hier vertreten.

5. Die Chroniken von Wetherid (Christian Dölder)

Zyklus I: Die Gabe der Elfen (679 S.) · Zyklus II: Die Hüter der Sieben Artefakte (2 Bände) · ab 2024 · Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch

★★★★★ 4,6/5 Einordnung von Christian Dölder
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Fokus:
Politische Machtspiele Klassische Völker Konsequenzen

Die Chroniken von Wetherid sind eine epische Fantasy-Saga in mehreren Zyklen, geschrieben von dem österreichischen Autor Christian Dölder. Die Handlung spielt auf dem Kontinent Mendaris und seinen Nachbarkontinenten, einer Welt mit eigener Kosmologie über sechsundzwanzig Zyklen, mehr als zwanzig Völkern und über hundertvierzig benannten Charakteren.

Der erste Zyklus, Die Gabe der Elfen, erzählt eine klassische Gefährtenreise. Das heilige Buch der Elfen, einst vom Elfenkönig Ehrondim den Völkern Wetherids hinterlassen, wurde vor sechzig Jahren gestohlen. Der junge Abkether Vrenli, der sein Dorf nie verlassen hat, wird in einen Konflikt gezogen, der ihn mit Gefährten aus sechs verschiedenen Völkern durch den gesamten Kontinent führt. Die Reise endet in einer taktisch erzählten Schlacht um das Zwergenreich Ib'Agier.

Der zweite Zyklus, Die Hüter der Sieben Artefakte, setzt fünfundzwanzig Jahre später ein. Der Ork-Schamane Gorzod beschwört den Dämon Xaroth aus der Seelenwelt. Sieben uralte Artefakte sind die einzige Waffe gegen ihn. Die alten Gefährten brechen erneut auf. Doch während sie im eisigen Nordland und in den Tunneln der Grauzwerge nach den Artefakten suchen, zerfällt ihre Heimat. In Astinhod tobt ein Bürgerkrieg. Im Glorreichen Tal zerbricht ein Held an Erpressung. Im Dunklen Wald spalten sich Druiden und Waldläufer. Der zweite Zyklus erzählt auf mehreren parallelen Handlungssträngen gleichzeitig und wechselt zwischen den Gefährten, den Antagonisten und den politischen Konflikten der einzelnen Reiche.

Der Stil ist funktional und direkt. Keine Metaphern, kein Pathos, keine romantischen Nebenhandlungen. Magie ist selten und gefährlich. Kämpfe sind kurz und oft tödlich. Die Welt ist dokumentiert in einem Wiki mit über 200 Einträgen, zwei Weltkarten und einer interaktiven Story-Map. Wer direkt einsteigen will, findet hier die Leseprobe zu Die Hüter der Sieben Artefakte und hier den Buch-Shop. Für Leser, die Erwachsenen-Fantasy mit klassischen Elementen suchen, aber ohne den Kitsch.

6. Wer fürchtet den Tod (Nnedi Okorafor)

Originaltitel: Who Fears Death · 1 Band · Englisch 2010 / DE 2017 · Cross Cult

★★★★★ 4,6/5 Einordnung von Christian Dölder
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Fokus:
Wüstenfantasy Magie und Trauma Patriarchat

Onyesonwu wird in einer postapokalyptischen Wüste geboren. Ihr Name bedeutet auf Igbo „Wer fürchtet den Tod". Sie ist Ewu, das Kind einer Vergewaltigung im Krieg zwischen zwei Stämmen, und sie ist eine Magierin – eine, deren Kraft das Zeug hat, eine Prophezeiung zu erfüllen, die seit Generationen über das Land hängt. Der Roman folgt ihrer Ausbildung, ihrer Reise zu ihrem genetischen Vater, der sie töten will, und einem Konflikt, der die Geschichte des Sudan in eine fantastische Zukunft überträgt.

Okorafor schreibt afrofuturistische Fantasy, die mit Magie und mit konkreter politischer Geschichte arbeitet. Genitalverstümmelung, Krieg, ethnische Säuberung, patriarchale Gewalt – das alles steht im Buch, ohne Ausnahmeregelung und ohne Schutzpolster. Die Magie ist real und mächtig, aber sie kompensiert das Erlittene nicht; sie verändert nur, wie die Protagonistin es trägt.

Der Roman gewann den World Fantasy Award 2011 für den besten Roman. HBO entwickelte eine Serienadaption, die schließlich nicht produziert wurde. Cross Cult hat den Roman 2017 ins Deutsche gebracht. Im deutschsprachigen Fantasy-Markt taucht Okorafor selten auf den Bestenlisten auf, was im Wesentlichen mit der Sichtbarkeit von Cross Cult zusammenhängt – nicht mit der Qualität des Buchs.

7. Die große Stille / Broken Earth (N.K. Jemisin)

Originaltitel: The Broken Earth Trilogy · 3 Bände · Englisch 2015–2017 / DE 2018–2020 · Knaur

★★★★★ 4,7/5 Einordnung von Christian Dölder
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Fokus:
Erdbeben-Magie Sterbende Welt Mutterschaft

Auf dem Kontinent „Die Stille" sind Erdbeben Alltag. Manche Menschen können sie kontrollieren – die Orogenen, eine Kaste, die das Imperium zugleich braucht und versklavt. Als ein gigantischer Riss das Land teilt und der Himmel mit Asche bedeckt wird, beginnt eine fünfte Jahreszeit, in der die Zivilisation kollabiert. Inmitten dieses Zerfalls hat Essun nur ein Ziel: Sie sucht ihre Tochter, die ihr Mann entführt hat, nachdem er ihren Sohn erschlagen hat.

Jemisin schreibt High Fantasy mit den Werkzeugen literarischer Prosa. Multiple Erzählperspektiven, ein experimenteller Du-Erzähler, eingebaute Geologie, ein politisches System, das nicht aus Tolkien-Königreichen, sondern aus realen Strukturen kolonialer Gewalt gebaut ist. Die Magie ist seismisch, nicht ornamental: Orogene reißen Berge, frieren Städte, töten mit dem Atem.

Jemisin ist die erste Autorin überhaupt, die dreimal in Folge den Hugo Award als bester Roman gewann – für jeden Band der Trilogie. Im deutschen Markt ist sie bei Knaur erschienen, und obwohl jeder Band ein Bestseller war, taucht die Trilogie auf deutschen High-Fantasy-Standardlisten erstaunlich selten auf. Einordnung: Es gibt einen leichten Sci-Fi-Einschlag durch die Endzeit-Komponente. Wer reine klassische Hochfantasie sucht, bekommt hier eine moderne, anstrengende, brillante Variante davon.

8. Das dunkle Herz des Waldes (Naomi Novik)

Originaltitel: Uprooted · 1 Band · Englisch 2015 / DE 2016 · cbj / Penguin Random House

★★★★★ 4,5/5 Einordnung von Christian Dölder
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Fokus:
Slawische Märchen Korrumpierter Wald Magierausbildung

Alle zehn Jahre wählt der Drache eine junge Frau aus Agnieszkas Dorf aus. Er ist kein wirklicher Drache, sondern ein hundertjähriger Magier, der in einem Turm am Rand eines verfluchten Waldes lebt. Der Wald ist die eigentliche Bedrohung – ein lebendes, intelligentes, korrumpierendes Wesen, das Menschen, Tiere und ganze Königreiche verschlingt. Als der Drache erwartungsgemäß die schöne Kasia auswählen sollte, nimmt er stattdessen die ungeschickte Agnieszka mit. Niemand weiß warum. Sie auch nicht.

Novik ist Tochter polnischer Einwanderer und schreibt hier polnische und ostslawische Märchenstoffe in eine erwachsene Fantasy um. Baba Jaga, der verfluchte Wald, höfische Magie zwischen rivalisierenden Reichen – alles ist da, aber nichts ist süßlich. Die Magie hat Kosten, Verluste sind real, und politische Konsequenzen werden nicht beiseitegewischt.

Der Roman gewann den Nebula Award 2016 als bester Roman, dazu den Locus Award und den Mythopoeic Award. Wichtige Einordnung: Im englischen Original wurde Uprooted als Erwachsenen-Fantasy bei Del Rey veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe erscheint bei cbj, einem Jugendbuch-Imprint von Penguin Random House. Inhaltlich ist der Roman aber klar erwachsen – mit expliziten Szenen, brutaler Gewalt und politischer Komplexität, die Jugendmarketing nicht abbildet.

9. Der Golem und der Dschinn (Helene Wecker)

Originaltitel: The Golem and the Jinni · 1 Band · Englisch 2013 / DE 2014 · Hoffmann und Campe

★★★★★ 4,5/5 Einordnung von Christian Dölder
Zum Autor
Fokus:
Historische Fantasy Jüdische und arabische Folklore New York 1899

Im New York des Jahres 1899 begegnen sich zwei Wesen, die hier nicht hingehören. Chava ist ein Golem, von einem polnischen Rabbi aus Lehm geformt, deren Schöpfer auf der Überfahrt nach Amerika gestorben ist. Ahmad ist ein Dschinn, in einer Kupferflasche im Mittleren Osten gefangen und in einem Antiquitätenladen in Manhattan zufällig befreit. Beide tarnen sich als Menschen. Beide haben Geheimnisse, die sie töten könnten, wenn sie ans Licht kämen. Und beide treffen sich nachts in den Straßen, wenn die Stadt schläft, und reden über das, was Menschen nie verstehen würden.

Wecker baut ihre Welt aus zwei Folklorebeständen: jüdische Mythen aus Mitteleuropa und arabische Dschinn-Geschichten. Beides wird historisch genau in das New Yorker Lower East Side und Little Syria der Jahrhundertwende eingebettet. Das Setting ist real, die Wesen sind fantastisch, die Spannung entsteht aus dem Spagat zwischen Anpassung und Wesensnatur. Romantische Anklänge gibt es, aber sie sind nie der Plotmotor.

Der Roman war für den Nebula Award nominiert, gewann den Mythopoeic Award und den Sydney Taylor Book Award. Eine Fortsetzung – The Hidden Palace – erschien 2021. Im deutschsprachigen SERP für „Fantasy für Erwachsene" taucht der Titel kaum auf, weil er auch nicht klassisch in der Fantasyabteilung verortet wird, sondern teilweise als historischer Roman. Genau deshalb steht er hier.

10. Schwarzer Leopard, roter Wolf (Marlon James)

Originaltitel: Black Leopard, Red Wolf · Dark-Star-Trilogie · Bd. 1 · Englisch 2019 / DE 2019 · Heyne

★★★★★ 4,5/5 Einordnung von Christian Dölder
Zum Autor
Fokus:
Afrikanische Mythen Unzuverlässiger Erzähler Polyphonie

Tracker ist Spurenleser, Söldner und Erzähler. Er sitzt in einer Zelle und gibt Auskunft über einen Auftrag, an dem er beteiligt war: die Suche nach einem verschwundenen Kind, ausgeführt von einer Gruppe, die niemand zusammengehalten hätte, wenn nicht das Geld stimmen würde. Schwarzer Leopard, ein Gestaltwandler. Eine Hexe. Ein Riese. Ein Anti-Hexe. Was Tracker erzählt, ist nicht zwangsläufig wahr. Was die Befrager glauben, auch nicht. Marlon James baut den Roman als Vernehmungsprotokoll, das jeder Sicherheit den Boden unter den Füßen wegzieht.

Die Welt ist vom afrikanischen Mythenraum geprägt: Yoruba, Akan, Bantu-Traditionen, Sahara, Reiche und Königreiche, die nichts mit der europäischen Mittelaltermimikry der Standard-Fantasy zu tun haben. Magie ist mächtig und teuer. Gewalt ist explizit. Sexualität ist vorhanden, aber nie als Wohlfühlmotor. Wer nach Tolkien-Strukturen sucht, ist hier falsch. Wer nach einem Roman sucht, der das Genre öffnet und mit literarischer Wucht in eine andere Tradition zieht, hat ihn gefunden.

Marlon James hat 2015 den Booker Prize für Eine kurze Geschichte von sieben Morden gewonnen, einen literarischen Roman ohne Fantasy-Elemente. Schwarzer Leopard, roter Wolf ist sein erster Ausflug ins Genre und der Auftakt einer Trilogie (Moon Witch, Spider King erschien 2022 auf Englisch). Heyne hat den ersten Band 2019 ins Deutsche gebracht. Einordnung: Stilistisch herausfordernd, polyphon und ohne Hand-haltende Erzählerstimme. Nichts für Romantasy-Pausenlektüre, alles für Leser, die Fantasy als ernstzunehmende literarische Form lesen.

Häufig gestellte Fragen

Warum sind Tolkien, Martin und Sapkowski nicht auf der Liste?

Diese Autoren stehen auf jeder Mainstream-Liste und brauchen keine zusätzliche Empfehlung. Wer sie noch nicht gelesen hat, findet sie auf meiner Top-20-Liste der besten epischen Fantasy Bücher. Diese Liste ist explizit für Leser gemacht, die mit den großen Namen durch sind und nach Büchern jenseits der Standardlisten suchen.

Was unterscheidet einen Geheimtipp von einem Klassiker?

In dieser Liste sind beides vertreten. Mervyn Peake gehört zum literarischen Genrekanon, ist im deutschsprachigen Massen-SERP aber kaum sichtbar. Sylvia Townsend Warner schrieb Lolly Willowes bereits 1926, ohne dass es auf deutschen Bestenlisten je auftauchen würde. Susanna Clarke wurde 2004 zum Bestseller, ist im deutschen Fantasy-Mainstream aber nicht durchgängig präsent. Geheimtipp bedeutet hier nicht „unbekannt", sondern „auf den großen Empfehlungslisten zu wenig vertreten".

Sind diese Fantasy-Bücher wirklich alle im Buchhandel verfügbar?

Ja, alle zehn Titel sind im April 2026 als Neuware bei Verlagen wie Heyne, Knaur, Klett-Cotta, Cross Cult, cbj, Hoffmann und Campe, Blessing oder Dörlemann lieferbar. Vergriffene Klassiker wie Robert Holdstocks Mythenwald, Gene Wolfes Soldat des Nebels oder Hope Mirrlees' Flucht ins Feenland stehen bewusst nicht auf dieser Liste, weil sie nur antiquarisch zu bekommen sind und neue Leser dort in eine Sackgasse laufen würden.

Sind Magischer Realismus und Slipstream auch Fantasy?

Im weiteren Sinne ja, im engeren Sinne nicht. Bücher wie Ben Okris Die hungrige Straße oder Olga Tokarczuks Ur und andere Zeiten arbeiten mit fantastischen Elementen, werden aber von Verlagen, Wikipedia und Literaturkritik als Magischer Realismus bzw. literarische Fiktion verkauft – nicht als Fantasy. Diese Liste hält sich bewusst an den engeren Begriff: Sekundärwelten, klare Magiesysteme, fantastische Wesen jenseits der Norm. Wer auch Magischen Realismus liest, findet in dieser Schnittmenge weitere Empfehlungen, die hier aber nicht aufgenommen wurden.

Wo finde ich weitere Empfehlungen für Fantasy-Bücher?

Meine Top-20-Liste der besten epischen Fantasy Bücher behandelt die großen Namen. Mein Artikel Gute Fantasy Bücher für Erwachsene empfiehlt zehn moderne Serien jenseits der Romantasy-Welle. Politische Fantasy mit Intrigen behandelt Machtspiele und große Besetzungen, und Die besten High Fantasy Bücher empfiehlt zehn Serien in Sekundärwelten abseits des Mainstreams.

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