High Fantasy bezeichnet Geschichten, die vollständig in einer erfundenen Sekundärwelt spielen – nicht auf unserer Erde, nicht in einer alternativen Historie, sondern in einem Universum mit eigener Geografie, eigenen Völkern und eigenen Regeln. Der Begriff grenzt sich damit von Urban Fantasy, historischer Fantasy und Romantasy ab.
Die bekanntesten Vertreter – Tolkien, Martin, Jordan, Sanderson, Erikson, Hobb, Abercrombie und weitere – behandle ich in meiner Top-20-Liste der besten epischen Fantasy Bücher. Wer dagegen nach Titeln sucht, die auf keiner Standardliste auftauchen, findet in meinem Artikel Bücher wie Herr der Ringe – 10 Geheimtipps zehn Entdeckungen jenseits des Mainstreams.
Diese Liste hier besetzt die Lücke dazwischen. Zehn Serien, die erfahrenen Lesern ein Begriff sein könnten, aber auf den großen Empfehlungsseiten regelmäßig fehlen. Jede davon spielt in einer Sekundärwelt, bietet tiefes Worldbuilding und richtet sich an erwachsene Leser. Ich lese und schreibe das Genre seit über zwanzig Jahren. Das ist meine Auswahl.
Inhalt
- 1. Die Midkemia-Saga – Raymond E. Feist
- 2. Die Drenai-Saga – David Gemmell
- 3. Die Lügen des Locke Lamora – Scott Lynch
- 4. Die Coldfire-Trilogie – C.S. Friedman
- 5. Die Chroniken von Amber – Roger Zelazny
- 6. Die Chroniken von Wetherid – Christian Dölder
- 7. Die Deryni-Chroniken – Katherine Kurtz
- 8. Wars of Light and Shadow – Janny Wurts
- 9. Chronicle of the Unhewn Throne – Brian Staveley
- 10. The Death Gate Cycle – Weis & Hickman
- Häufig gestellte Fragen
1. Die Midkemia-Saga (Raymond E. Feist)
Raymond E. Feist begann 1982 mit Magician einen Roman über einen Waisenjungen, der zum Magier wird. Was als klassische Heldenreise begann, wuchs über drei Jahrzehnte zu einem Universum, das zwei Planeten umspannt und mehr als dreißig Bücher füllt. Der Riftwar Cycle verbindet die mittelalterliche Welt Midkemia mit Kelewan, einer von asiatischen Kulturen inspirierten Zivilisation – verbunden durch magische Risse im Raum.
Feists Stärke liegt in der Breite. Über die verschiedenen Serien innerhalb des Zyklus wechseln die Protagonisten, die Konflikte und die Tonart. Die Riftwar Saga selbst ist klassische Coming-of-Age-Fantasy. Die Empire Trilogy – geschrieben mit Janny Wurts – verlagert die Perspektive auf die gegnerische Seite und erzählt politische Intrige auf einem Niveau, das Martin vorwegnahm. Die späteren Serien behandeln Kriege, Handelsimperien und göttliche Konflikte.
Die Schwäche liegt in der Konsistenz. Nicht alle dreißig Bände halten das gleiche Niveau. Aber die ersten zwei Trilogien – Riftwar Saga und Empire Trilogy – gehören zum Fundament der High Fantasy und werden zu selten in einem Atemzug mit Tolkien und Jordan genannt.
2. Die Drenai-Saga (David Gemmell)
David Gemmell ist der Autor, den Soldaten lesen. Seine Drenai-Saga – benannt nach dem Volk der Drenai – erzählt keine lineare Geschichte, sondern ein Mosaik aus Einzelromanen, die über Jahrhunderte verteilt in derselben Welt spielen. Die Figur, die sie verbindet, ist Druss – ein Krieger, dessen Axt und Ruf Legenden überdauern.
Gemmell schreibt kurz, direkt und ohne Ausschmückung. Seine Bücher sind keine Tausendseiter. Die meisten umfassen dreihundert bis vierhundert Seiten. Was sie packt, ist die Konzentration: Jeder Roman stellt eine Belagerung, eine Schlacht, eine Entscheidung ins Zentrum und erzählt sie mit einer Unmittelbarkeit, die größeren Serien oft fehlt. Seine Helden sind keine strahlenden Figuren – es sind Menschen, die zu alt sind, zu müde, zu beschädigt und trotzdem kämpfen.
Gemmell starb 2006. Sein Werk hat nie den kommerziellen Durchbruch im deutschsprachigen Raum geschafft, obwohl in England der David Gemmell Award for Fantasy nach ihm benannt wurde. Wer Fantasy liest, die sich wie ein Feldlager anfühlt und nicht wie ein Seminar, findet hier das Richtige.
3. Die Lügen des Locke Lamora (Scott Lynch)
Scott Lynch hat eine Serie geschrieben, die sich anfühlt wie ein Heist-Film in einer venezianischen Sekundärwelt. Locke Lamora ist ein Waisenkind, das zum begabtesten Trickbetrüger seiner Stadt wird. Er bestiehlt nicht Bauern – er bestiehlt den Adel, unter falschen Identitäten, mit wochenlang vorbereiteten Betrugsmaschen. Daneben existiert eine Unterwelt mit eigenen Gesetzen, ein Magier-Orden mit politischer Macht und Ruinen einer älteren Zivilisation, deren Ursprung niemand kennt.
Lynchs Stärke liegt im Dialog und in der Balance zwischen Humor und Brutalität. Die Figuren reden scharf, die Wendungen sind hart und die emotionalen Einschläge kommen ohne Vorwarnung. Die Stadt Camorr ist eine der lebendigsten Sekundärwelt-Städte der Fantasy – vergleichbar mit Lankhmar, Ankh-Morpork oder Königsmund.
Die Schwäche ist bekannt: Das Erscheinungstempo. Zwischen Band zwei und drei lagen sechs Jahre. Band vier ist seit über einem Jahrzehnt angekündigt. Wer damit leben kann, liest hier einige der unterhaltsamsten Fantasy-Romane der letzten zwanzig Jahre.
4. Die Coldfire-Trilogie (C.S. Friedman)
C.S. Friedman hat mit der Coldfire-Trilogie ein Werk geschaffen, das sich einer einfachen Genrezuordnung entzieht. Die Welt Erna wurde vor Jahrhunderten von Menschen kolonisiert, deren Raumschiffe abstürzten. Die Technologie ging verloren. Was blieb, ist eine Kraft namens Fae – eine Energie, die auf menschliche Emotionen reagiert und Gedanken in physische Realität verwandeln kann. Die Zivilisation auf Erna hat sich zu einer mittelalterlichen Gesellschaft zurückentwickelt, in der die Fae wie Magie wirkt, aber den Gesetzen der Natur folgt.
Die Trilogie erzählt die Geschichte einer erzwungenen Allianz zwischen einem Priester und einem unsterblichen Sorcerer, der vor Jahrhunderten seine Menschlichkeit geopfert hat. Friedman behandelt Fragen von Glauben, Opfer und moralischem Kompromiss mit einer Ernsthaftigkeit, die im Genre selten ist. Ihr Magiesystem – basierend auf naturwissenschaftlichen Prinzipien – gehört zu den durchdachtesten der Fantasy.
Die deutsche Übersetzung ist vergriffen, aber antiquarisch und als E-Book erhältlich. Im englischsprachigen Raum hat die Trilogie eine treue Fangemeinde, die sie regelmäßig als eine der am stärksten unterschätzten Fantasy-Serien nennt.
5. Die Chroniken von Amber (Roger Zelazny)
Roger Zelazny war ein Autor, der Science Fiction und Fantasy verschmolz, bevor das Konzept einen Namen hatte. Die Chroniken von Amber basieren auf einer Prämisse: Es gibt eine wahre Welt – Amber – und alles andere, einschließlich unserer Erde, ist nur eine Schattenprojektion davon. Die Prinzen von Amber können durch diese Schatten wandern und Realitäten nach ihrem Willen formen.
Die erste Pentalogie – erzählt aus der Perspektive von Prinz Corwin – liest sich wie ein Thriller. Corwin erwacht ohne Erinnerung auf der Erde, rekonstruiert seine Identität und stürzt sich in einen Thronfolgekrieg zwischen neun Geschwistern. Zelazny schreibt knapp und schnell. Seine Prosa hat mehr mit Chandler als mit Tolkien gemein. Die Intrigen zwischen den Prinzen von Amber sind komplex, die Wendungen unvorhersehbar und die Erzählperspektive konsequent subjektiv.
Die zweite Pentalogie – aus der Sicht von Corwins Sohn Merlin – ist schwächer, aber die ersten fünf Bände gehören zu den originellsten Werken der Fantasy. Zelazny hat mit Amber ein Konzept geschaffen, das in seiner philosophischen Tiefe einzigartig geblieben ist.
6. Die Chroniken von Wetherid (Christian Dölder)
Wetherid ist eine Sekundärwelt mit über 140 Charakteren, 70 Orten und 21 Völkern. Der erste Zyklus – Die Gabe der Elfen – erzählt eine klassische Gefährtenreise: Grauzwerge, Nebelelfen, Oger und Menschen bilden eine Allianz gegen eine existenzielle Bedrohung. Der zweite Zyklus – Die Hüter der Sieben Artefakte – wechselt den Ton. Statt Gefährtenreise dominieren politische Intrige, gebrochene Bündnisse und moralische Grauzonen.
Der Stil unterscheidet sich von den meisten Einträgen dieser Liste: funktionale, harte Prosa ohne Pathos und ohne Metaphern. Magie existiert, aber sie ist selten und gefährlich. Kämpfe enden schnell und ohne Glamour. Die Welt ist dokumentiert in einem Wiki mit über 200 Einträgen, zwei Weltkarten und einer interaktiven Story-Map.
Die Serie richtet sich an Leser, die Sekundärwelten mit eigenständiger Identität suchen – nicht Tolkien-Kopien, nicht Grimdark-Übertreibungen, sondern eine Welt, die ihre eigenen Regeln schreibt und konsequent durchsetzt.
7. Die Deryni-Chroniken (Katherine Kurtz)
Katherine Kurtz begann 1970 – sechs Jahre nach Tolkien – mit einer Fantasy-Serie, die einen völlig anderen Weg einschlug. Ihre Deryni-Welt basiert nicht auf Mythologie, sondern auf der Geschichte des mittelalterlichen Europa. Die Deryni sind ein Volk mit magischen Fähigkeiten, das in einer Gesellschaft lebt, die der Kirche des 12. Jahrhunderts nachempfunden ist. Magie ist nicht spektakulär – sie ist subtil, politisch und gefährlich.
Kurtz' Stärke liegt in der historischen Textur. Ihre Welt hat Konzile, Kirchenpolitik, Lehnswesen und Krönungszeremonien, die so detailliert beschrieben werden, dass sie als historische Romane durchgehen könnten. Die Konflikte drehen sich nicht um dunkle Lords, sondern um Rassismus, religiöse Verfolgung und die Frage, wie Macht legitimiert wird.
Die Serie hat nie die Popularität von Tolkien oder Jordan erreicht, wird aber in akademischen Kreisen als eines der ersten Werke genannt, das High Fantasy mit historischer Tiefe verband. Für Leser, die Guy Gavriel Kay schätzen, ist Kurtz die logische Vorgängerin.
8. Wars of Light and Shadow (Janny Wurts)
Janny Wurts ist als Co-Autorin der Empire Trilogy mit Raymond E. Feist bekannt. Ihr Solowerk – die Wars of Light and Shadow – ist weit weniger verbreitet und weit ambitionierter. Die Serie erzählt den Konflikt zwischen zwei Halbbrüdern – Arithon und Lysaer – die durch eine Prophezeiung zu Feinden gemacht werden, obwohl keiner von beiden böse ist.
Wurts schreibt dicht und anspruchsvoll. Ihre Prosa verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit einem Worldbuilding, das zu den tiefsten des Genres gehört. Die Magie folgt strengen Regeln. Die Politik ist komplex. Die moralischen Fragen – Freiheit gegen Ordnung, Individuum gegen Kollektiv – werden nicht beantwortet, sondern über elf Bände verhandelt.
Die Serie wurde 2023 mit dem elften Band abgeschlossen. Sie hat nie eine deutsche Übersetzung erhalten, was angesichts ihrer Qualität zu den größten Versäumnissen der deutschsprachigen Fantasy-Verlage gehört.
9. Chronicle of the Unhewn Throne (Brian Staveley)
Brian Staveley erzählt die Geschichte dreier Geschwister – Kinder eines ermordeten Kaisers – die in verschiedenen Teilen der Welt aufwachsen und auf unterschiedliche Weise versuchen, das Imperium ihres Vaters zu retten. Einer ist Mönch in einem abgelegenen Kloster. Eine ist Politikerin in der Hauptstadt. Einer ist Soldat an der Grenze.
Die Stärke liegt in der Struktur. Drei Perspektiven, drei Genres innerhalb eines Buches: philosophischer Coming-of-Age-Roman, politischer Thriller und Military Fantasy. Staveley wechselt zwischen diesen Registern mit einer Sicherheit, die bei einem Debüt überrascht. Die Welt ist detailliert – eine eigene Mythologie, alte Völker, ein Imperium am Rand des Zusammenbruchs – aber Staveley erklärt sie beiläufig, ohne den Erzählfluss zu unterbrechen.
Die Trilogie ist abgeschlossen. Sie bietet in drei Bänden, was andere Serien in zehn nicht schaffen: einen vollständigen Bogen mit Anfang, Mitte und Ende.
10. The Death Gate Cycle (Weis & Hickman)
Margaret Weis und Tracy Hickman sind als Dragonlance-Autoren bekannt. Ihr ambitioniertestes Werk ist ein anderes: The Death Gate Cycle spielt in einer Welt, die nach einer magischen Katastrophe in vier Elementarreiche gespalten wurde – Luft, Feuer, Wasser und Stein. Jeder Band spielt in einem dieser Reiche, bevor die Handlung zusammenläuft.
Das Konzept ist einzigartig in der High Fantasy. Jedes Reich hat eine eigene Physik, eigene Völker und eigene Konflikte. Das Luft-Reich besteht aus schwebenden Inseln. Das Feuer-Reich ist eine Höhlenwelt unter der Erdoberfläche. Im Hintergrund steht der Konflikt zwischen zwei uralten Rassen – den Sartan und den Patryn – deren Krieg die Spaltung der Welt verursacht hat.
Die Serie ist kompakter als Dragonlance, intellektuell anspruchsvoller und in ihrer Struktur experimenteller. Sie verdient einen Platz neben den großen Namen des Genres und bekommt ihn zu selten.
Häufig gestellte Fragen
Warum fehlen Tolkien, Martin und Sanderson auf dieser Liste?
Weil sie auf meiner Top-20-Liste der besten epischen Fantasy Bücher stehen, zusammen mit Jordan, Erikson, Hobb, Abercrombie und weiteren. Diese Seite hier konzentriert sich bewusst auf Serien, die auf den Standardlisten fehlen.
Was unterscheidet High Fantasy von epischer Fantasy?
High Fantasy definiert sich über den Schauplatz: eine vollständig fiktive Sekundärwelt. Epische Fantasy definiert sich über den Umfang: große Konflikte, viele Perspektiven, mehrere Bände. Die meisten Werke auf allen drei meiner Listen sind beides – aber die Unterscheidung hilft bei der Einordnung. Die Chroniken von Amber zum Beispiel sind High Fantasy, aber nicht im klassischen Sinne episch. Druss die Legende ist heroische Fantasy in einer Sekundärwelt, aber kein Tausendseiter.
Welche dieser Serien sind auf Deutsch verfügbar?
Die Midkemia-Saga, die Drenai-Saga, Die Lügen des Locke Lamora, Die Chroniken von Amber, die Deryni-Chroniken (teilweise) und Chronicle of the Unhewn Throne sind auf Deutsch erhältlich. Die Chroniken von Wetherid erscheinen auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Die Coldfire-Trilogie und The Death Gate Cycle sind auf Deutsch vergriffen, aber antiquarisch erhältlich. Wars of Light and Shadow wurde nie ins Deutsche übersetzt.
Wo finde ich noch mehr Empfehlungen?
Meine Top-20-Liste behandelt die großen Namen des Genres. Mein Artikel Bücher wie Herr der Ringe nennt zehn echte Geheimtipps, die auf keiner Standardseite auftauchen. Zusammen decken die drei Listen über vierzig Serien ab.